Mit generellen Lohnerhöhungen gegen Tieflöhne und Lohnschere - zu den heute publizierten Resultaten der Lohnstrukturerhebung

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Blog Daniel Lampart

Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 fiel die Wirtschaft in beunruhigend kurzen Abständen immer wieder in Krisen. 2010 setzte die sehr starke Frankenaufwertung ein, danach folgte die Aufhebung des Mindestkurses im Jahr 2015. 2020 brach die Corona-Krise aus. Und nun herrscht durch die Ukraine-Invasion Krieg in Europa. Die Teuerung verabschiedete sich in diesem Umfeld für mehr als 10 Jahre. Dass es in dieser schwierigen Ausgangslage gelungen ist, Reallohnerhöhungen auszuhandeln, ist sicher positiv.

Besorgniserregend ist allerdings, dass nach der Aufhebung des Mindestkurses seit 2016 wieder eine Lohnschere aufgegangen ist. Die hohen Löhne stiegen real um 4 Prozent. Die Tieflöhne hingegen kamen mit einem Realanstieg von 0.5 Prozent kaum vom Fleck.

Anstieg der Reallöhne 2016 bis 2020

Inzwischen gibt es sogar wieder mehr Tieflohnstellen, nachdem es mit der SGB-Mindestlohnkampagne «Keine Löhne unter 4000 Fr.» gelungen ist, die Situation der GeringverdienerInnen wesentlich zu verbessern. Mit dieser unerwünschten Gegenbewegung ging ein Teil der sozialpolitischen Fortschritte wieder verloren. Viel zu wenig bekannt ist übrigens, dass mehr als die Hälfte der Arbeitnehmenden mit einem Tieflohn eine Lehre oder eine andere Ausbildung haben.

Anteil der Tieflohnstellen 2008 bis 2020

Anteil der Tieflohnstellen 2008 bis 2020

Positiv ist hingegen, wie sich die grossen Anstrengungen für Lohngleichheit zwischen Frauen und Männern ausgewirkt haben. Insbesondere bei Frauen ohne Kaderfunktion, die sich häufiger gewerkschaftlich organisieren als ihre Vorgesetzten, hat sich der Lohnrückstand seit 2008 fast halbiert (Medianlöhne). Nach wie vor sind Frauen aber in den Tieflohnbereichen übervertreten.

Lohndifferenz der Frauen gegenüber den Männern, ohne Kaderfunktion

Die Lohnstrukturerhebung 2020 erlaubt es auch, ein genaueres Bild zu den Spuren der Corona-Krise in den Löhnen zu erhalten. Es ist wenig überraschend, dass Arbeitnehmende in den Branchen der Kultur/Unterhaltung/Erholung (Reallohn 2018 bis 2020: -3.3 Prozent) spürbare Lohneinbussen verzeichneten. Unerfreulich, aber aufgrund der Rückmeldungen der Gewerkschaftsmitglieder auch leider wenig überraschend, ist der minimale Reallohnanstieg um 0.2 Prozent.

Im laufenden Jahr wird lohnpolitisch vieles anders. Erstmals seit vielen Jahren gibt es wieder eine Teuerung von mehr als 2 Prozent. Damit ist bereits heute klar, dass es in den Lohnrunden in erster Linie wieder generelle Lohnerhöhungen braucht. Sonst drohen Kaufkrafteinbussen. Mit dem Wechsel zu generellen Lohnerhöhungen geht es auch bei langjährigen MitarbeiterInnen und Arbeitnehmenden mit tieferen Löhnen wieder aufwärts. Vor allem dann, wenn die Löhne in Form von Fixbeträgen erhöht werden. Bei einer individualisierten Lohnpolitik profitieren eher die Kader und die besonders gesuchten Arbeitskräfte, was das Aufgehen einer Lohnschere begünstigt.

Zuständig beim SGB

Daniel Lampart

Sekretariatsleiter und Chefökonom

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daniel.lampart(at)sgb.ch
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