Die Einkommens- und Abgabepolitik der Schweiz begünstigt seit zehn Jahren wieder zunehmend Gutverdienende. Während Menschen mit tiefem oder mittlerem Einkommen heute mit weniger verfügbarem Einkommen auskommen müssen als noch 2016, sind die Löhne und Einkommen von Topverdienern über denselben Zeitraum stark gestiegen. Noch immer existiert bei der Verteilung der Einkommen ein enormer Geschlechtergraben. Das zeigt der neue Verteilungsbericht des SGB.
Die Lohnschere hat sich in der letzten Dekade wieder geöffnet
- Verteilung
Während die unteren und mittleren verfügbaren Einkommen zwischen 2016 und 2025 leicht gesunken sind, haben die Bestbezahlten am Ende des Monats deutlich mehr zur Verfügung als noch 2016. Dabei haben Frauen nach wie vor ein deutlich geringeres Einkommen als Männer. Die Hälfte aller Frauen verdient weniger als 5'000 Franken, während die Hälfte der Männer weniger als 7'000 Franken verdient. Je höher die Einkommensklasse, desto grösser wird dieser Lohnunterschied.
Das Öffnen der Lohnschere lässt sich leicht erklären: Die mittleren Löhne stagnieren, obwohl die Produktivität wächst. Während sich die Produktivitätsgewinne früher in den Reallöhnen niederschlugen und zu Lohnwachstum führten, ist diese Regel seit 2016 gebrochen. Teilweise wird nicht einmal mehr die Teuerung ausgeglichen. Hauptgewinner der letzten Jahre sind Arbeitgeber und Aktionär:innen, die dank hohen Dividendenausschüttungen und hohen Margen überproportional an den Produktivitätsgewinnen partizipiert haben.
Gleichzeitig findet in vielen Kantonen ein Verteilungskampf statt, der wenig Aufmerksamkeit erregt: Seit 2024 ist die Zahl der kantonalen Vorlagen, die Steuersenkungen beinhalten, sprunghaft angestiegen. Auch auf Bundesebene ist die Steuerprogression durch die jüngsten Abstimmungen zum Eigenmietwert und die Individualbesteuerung unter Druck geraten. Hinzu kommt, dass die Belastung durch die Krankenkassenprämien in den vergangenen Jahren massiv gestiegen ist. Abhilfe sollte der Gegenvorschlag zur Prämienentlastungsinitiative schaffen, der die Kantone stärker in die Pflicht nimmt. Vielerorts hapert es aber bei der Umsetzung. Wie eine Untersuchung des SGB zeigt, waren vielerorts parlamentarische Vorstösse oder Volksinitiativen von Seiten der Gewerkschaften oder linken Parteien nötig, um die Umsetzung in Gang zu bringen.
Damit das Ungleichgewicht bei der Lohnentwicklung korrigiert wird, braucht es eine Wende in der Lohnpolitik. Die unteren und mittleren Reallöhne müssen deutlich stärker steigen. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass viele Arbeitgeber in den Lohnverhandlungen frühere Selbstverständlichkeiten wie den Teuerungsausgleich oder die Beteiligung der Arbeitnehmenden am Wirtschaftswachstum über Bord geworfen haben. Das braucht eine härtere gewerkschaftliche Antwort.
Der automatische Teuerungsausgleich muss wieder selbstverständlich werden. Wer eine abgeschlossene Lehre hat, muss bei einem Vollzeitpensum mindestens 5'000 Franken pro Monat verdienen. Generell soll es in der Schweiz künftig keine Vollzeit-Löhne unter 4'500 Franken mehr geben. Auch in der Steuer- und Abgabepolitik braucht es eine Wende. Statt die Steuern weiter zu senken, sollen die Kantone die Krankenkassenprämien spürbar verbilligen – wie es das Volk mit dem 2026 in Kraft getretenen Gegenvorschlag zur Prämienentlastungsinitiative beschlossen hat.
Zuständig beim SGB


