ECAP – Vielstimmigkeit in Harmonie

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Artikel
Verfasst durch Peter Sigerist, SGB-Zentralsekretär Ressort Bildung

Orchester: London Symphony. Pianist: ein Norweger. Komponist: ein Russe. Dirigent: ein Engländer italienischer Herkunft. Kann, was in der Spitzenklassik üblich ist, auch in der profanen Welt der Arbeit funktionieren? Das Beispiels des Weiterbildungsinstituts ECAP, das soeben seinen 40. Geburtstag gefeiert hat, zeigt: Ja, es kann.

Der lange Nachkriegsboom im 20. Jahrhundert erzeugte eine massive Zuwanderung aus dem Süden Europas, hauptsächlich aus Süditalien. Die Einwanderer waren männlich, wenig qualifiziert (einige Jahre Volksschule) und als Saisonniers im Bau und in der Maschinenindustrie rekrutiert. Parallel dazu wuchs in der Schweiz der Rechtspopulismus. Höhepunkt war der 7.6.1970: 46 Prozent und 7 Kantone sagten ja zur 10-Prozent-Plafonierungs-Initiative von James Schwarzenbach. 300‘000 Ausländer hätten im Falle einer Annahme der Volksinitiative ausgewiesen werden müssen. 

Aufholen, soziale Gerechtigkeit

 In diesem Umfeld ergreift die grösste italienische Gewerkschaft, CGIL, die Initiative zur Gründung der „Ente per la formazione, la riqualificazione professionale e la ricerca“, ECAP. ECAP will den italienischen Saisonniers die berufliche Grundausbildung in Abend- und Wochenendkursen als Nachholbildung ermöglichen. Die Gewerkschaften und die Migrationsvereinigungen (wie bspw. die Federazione delle Colonie Libere Italiane in Svizzera, FCLI) organisieren mit meist italienischen Geldern (Gewerkschaft und italienischer Staat) und viel Freiwilligenarbeit von solidarischen Fachkräften den Wissens- und Kulturtransfer. Von der „68er Bewegung“ demokratisch und kulturell stimuliert, findet so nicht nur berufs- und arbeitsmarktorientierter Wissenstransfer statt sondern auch eine Vermittlung zentraler kultureller und gesellschaftlicher Werte. Das Benzin dieses Motors ist „soziale Gerechtigkeit“ und „freie kulturelle Entfaltung“.  

Neue Migration

 Die Veränderung der Migration verändert auch die ECAP. Die erste grosse Wirtschaftskrise nach dem II. Weltkrieg, Mitte der 70er Jahre, noch ohne Arbeitslosenversicherung, provoziert die Rückwanderung von rund 200‘000 Migranten. Als Antwort auf Schwarzenbach und die rein ökonomisch gesteuerte Migration wird die „Mitenand-Initiative für eine neue Ausländerpolitik“ lanciert. Sie will auch den Saisonniers den Aufenthaltsstatus mit Familiennachzug gewähren. Die Initiative findet vor dem Souverän keine Gnade (nur 16 Prozent Zustimmung am 4.4.81). Der wieder einsetzende und länger anhaltende Wirtschaftsaufschwung führt jedoch zu einem erneuten Anstieg der Migration und einem wachsenden Familiennachzug. ECAP ist nun damit konfrontiert, dass einerseits die berufsbildenden Bedürfnisse der zweiten Migrationsgeneration wachsen und dass anderseits die Ansprüche an das Beherrschen der lokalen Sprache steigen. Zudem erweitern sich die Herkunftsländer der Migration. Die neue Migration in den achtziger Jahren ist nicht mehr wie zuvor die italienische stark selbst organisiert. Die neuen Herkunftsländer (Ex-Jugoslawien) stellen keine Mittel für Bildung und Kultur zur Verfügung. Damit entstehen zunächst viele kleine schweizerische Organisationen, die die neuen Bildungsbedürfnisse zu bedienen trachten, allerdings mit einem tendenziell assimilatorischen Konzept (lokale Sprache lernen, anpassen, einordnen).  

Die Einführung der obligatorischen Arbeitslosenversicherung Ende der siebziger Jahre führt dazu, dass die zivilgesellschaftlichen Aktivitäten zurückgehen, hingegen sozialstaatlich finanzierte Projekte – entlang den wirtschaftlichen Konjunkturzyklen – sich entwickeln. Damit findet eine Professionalisierung im Bereich der Bildungs- und Kulturvermittlung für die Migration statt, die allerdings stark auf die „Employability“ ausgerichtet ist. Auch die ECAP bewegt sich damit auf einen starken Wachstumspfad. 

Gegenwart

 Mit den neuen institutionellen Rahmenbedingungen (EU-Personenfreizügigkeit, neues Ausländergesetz mit Integrationsartikel) und mit den neuen Bedürfnissen der Wirtschaft nach höher qualifizierten Migrant/innen, aber auch aufgrund des deutlich höheren Anteils der Frauen in der Migration verbreitern und akzentuieren sich die bildungs- und kulturpolitischen Massnahmen von ECAP nochmals. War vor 40 Jahren ECAP eine zivilgesellschaftliche, italienische Organisation, italienisch finanziert, für italienische junge Männer, sind heute unter den ECAP-Lernenden 130 Herkunftsländer vertreten, die Mehrheit sowohl der Lernenden als auch der Lehrenden sind Frauen, und die Finanzierung erfolgt im wesentlichen öffentlich (kantonal) oder über die Arbeitslosenversicherung. Die Entwicklung der Zahl der Lernenden zeigt, dass die Angebote von ECAP den gewandelten gesellschaftlichen Bedürfnissen entsprechen. 

Am Beispiel von ECAP lässt sich nachzeichnen, dass grössere gesellschaftliche Umbrüche zunächst durch zivilgesellschaftliche Initiativen auf- und wahrgenommen werden. Für die nachhaltige Erreichung der Ziele bei wachsenden Volumen und Differenzierungen braucht es aber staatliche (Mit-)Finanzierung. 

Oder – um zu unserem Eingangsbild zurückzufinden: ECAP trägt in der profanen Welt seinen Teil zu Vielstimmigkeit und Harmonie auf höherer Ebene bei. 

(Gekürzte Version eines Vortrages, den P. Sigerist am 25.1.2011 anlässlich einer Weiterbildungstagung an der Uni ZH hielt.)

Zuständig beim SGB

Daniel Lampart

Sekretariatsleiter und Chefökonom

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