Unbezahlte Arbeit zu ungleich verteilt

  • Gleichstellung von Mann und Frau
Artikel
Verfasst durch Regula Bühlmann

Nicht freiwillige, aber lebensnotwendige Arbeit

Weit über die Hälfte der in der Schweiz geleisteten Arbeit ist unbezahlt. Weit über die Hälfte dieser Arbeit erledigen die Frauen. Das hat Folgen für die Frauen. Negative.

In der Schweiz arbeiten die Menschen viel: total 17.1 Milliarden Stunden im Jahr 2016. Dies hat das Satellitenkonto Haushaltsproduktion des BFS aufgezeigt. Auf die einzelnen Personen im erwerbsfähigen Alter heruntergerechnet macht dies wesentlich mehr als ein Vollzeitpensum aus: 52.7 Stunden wenden die Frauen pro Woche für ihre Arbeit auf, 52.5 Stunden die Männer.

Während also Frauen und Männer fast gleich viele Stunden ihrer Woche in Arbeit investieren, ist der Lohn, den sie dafür erhalten, höchst unterschiedlich. Denn von den 9.2 Mia. Stunden unbezahlter Arbeit übernehmen Frauen 61.3 Prozent, Männer dafür 61.6 Prozent der bezahlten Arbeit. Dies hat zur Folge, dass die Männer im erwerbsfähigen Alter im Durchschnitt für gut drei Fünftel ihrer Arbeit einen Lohn erhalten, Frauen dagegen nur für zwei Fünftel. Frauen verzichten somit wegen ihres Einsatzes, mit dem sie Kindern zu einem guten Start ins Leben und Menschen am Lebensende zu einem würdigen Dasein verhelfen, auf einen Haufen Geld. Die Gesellschaft und die Wirtschaft würden ohne dieses grosse, unbezahlte Engagement kaum funktionieren, für die Frauen bedeutet es aber ein Armutsrisiko und schlechtere Altersrenten. Wobei hier noch die Lohndiskriminierung dazukommt.

Keineswegs "freiwillig"

Dass die unbezahlte Arbeit oft unreflektiert als freiwillige Arbeit bezeichnet wird, ist deshalb grundfalsch. Ehrenamtliches Engagement im institutionalisierten Rahmen oder die informelle Hilfe an Nachbarinnen oder Bekannte sind wichtige Stützen der Gesellschaft. Sie machen aber nur gut 7 Prozent der unbezahlten Arbeit aus. Die übrigen 93 Prozent sind (über)lebensnotwendige Tätigkeiten: zu Kindern schauen, das Essen organisieren, für Kranke sorgen. Geschähe dies nicht, würde das Chaos ausbrechen.

Das Zeitvolumen der unbezahlten Arbeit ist zwischen 2013 und 2016 angestiegen: Frauen und Männer in der Schweiz leisten mehr Hausarbeit und investieren mehr Zeit in die unbezahlte Betreuung und Pflege ihrer Mitmenschen. Ob die Gründe in kantonalen und kommunalen Abbaumassnahmen im bezahlten Care-Sektor oder in gestiegenen Ansprüchen an Haushalt und Erziehung zu suchen sind, ist unklar. Erfreulich ist jedoch, dass auch Männer einen Teil der Mehrarbeit übernommen und sich mehr Stunden ohne Bezahlung engagiert haben.

Fifty-Fifty als Ziel

Das Ziel aber muss Fifty-Fifty sein: Frauen und Männer teilten sich bezahlte und unbezahlte Arbeit je hälftig auf. Beide hätten die gleiche Möglichkeit, für ihre eigene finanzielle Sicherheit ebenso wie für ihre Mitmenschen zu sorgen. Die Politik muss handeln, damit wir soweit kommen: Die Erwerbsarbeit darf nicht weiter entgrenzt und dereguliert werden, sondern muss die Vereinbarkeit von bezahlter und unbezahlter Arbeit für alle gewährleisten. Dafür dürfen wir nicht mehr, sondern sollten weniger Stunden gegen Bezahlung arbeiten müssen. Und bezahlbare und zugängliche Angebote für alle in Betreuung, Pflege und Gesundheit müssen ein gewichtiger Teil des Service Publics sein. Das BFS schätzt die 2016 geleistete unbezahlte Arbeit auf einen Geldwert von 408 Mia. Franken. Wenn wir nur einen Bruchteil dieser Summe in den Service Public investieren, kommen wir einen grossen Schritt weiter zu einer Gesellschafft, in denen Frauen und Männer sich gleichermassen für sich und für andere engagieren können.

Zuständig beim SGB

Regula Bühlmann

Zentralsekretärin

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