Manchmal sehen Wissenschafter - nur die Wissenschaft

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Artikel
Verfasst durch Peter Sigerist, SGB-Zentralsekretär für das Ressort Bildung

2030 brauche es 70 % Akademiker/innen: so skizzierten kürzlich die „Akademien der Wissenschaften Schweiz“ die künftige Bildungspolitik in einem Weissbuch. 6 Thesen zu einer Studie, die viele Verdienste hat – und wegen Sichtverengungen wieder viel verspielt.

1. Das Weissbuch „Zukunft Bildung Schweiz – Anforderungen an das schweizerische Bildungssystem 2030“ der Akademien der Wissenschaften Schweiz wurde der Öffentlichkeit provozierend vorgestellt: Der Hauptautor hat die Berufsbildung als Auslaufmodell bezeichnet. Der Diskussionsbeitrag riskiert deshalb, in einer stumpfen Polemik Berufs- vs. Allgemeinbildung zerrieben zu werden, ohne dass die an sich guten Überlegungen und Zielsetzungen überhaupt zur Kenntnis genommen werden. Möchten die Akademien ihre „Roadmap“ entsprechend politisch umsetzen, würde dies den Streit zwischen Berufs- und Allgemeinbildung entfachen und die Forderung nach mehr Bildung lähmen. 

2. Die Mängel des Weissbuches zeigen sich rasch: Die Berufsbildung gibt es als paralleles System zur Allgemeinbildung gar nicht, obwohl diese ab Sekundarstufe II die grösste Gruppe der Lernenden umfasst. Die Einführung der Berufsmaturität, die in die Fachhochschulen führt, wird nicht gewürdigt. Die laufenden Anstrengungen, die im Arbeitsmarkt stark nachgefragten Berufsausbildungscurricula auf der Tertiär-A und B-Stufe international anerkennen zu lassen, werden nicht zur Kenntnis genommen. Vielleicht sind sie den Verfassern auch nicht bekannt.

3. Im Kapitel „Szenario 2030“ sind Zielsetzungen zu finden, denen wir zustimmen: „Chancengleichheit wurde (2030) in dem Sinne erreicht, dass nun die soziale Herkunft nicht mehr der entscheidende Faktor für den Bildungserfolg ist“ (S. 14). Das gilt für weitere Ziele auch. Wir nennen hier nur die verstärkte nationale Kompetenz im Bereich der Hochschulen und den angestrebten Mitteleinsatz für die Bildung von 10 Prozent des Bruttoinlandprodukts, hauptsächlich aus staatlicher Quelle.

4. Das „Szenario 2030“ lebt aber grundsätzlich vom Geist der Binnensicht. Es fokussiert auf den Willen jedes Einzelnen und dessen Lernbereitschaft, um so seine Stellung in der Gesellschaft zu verbessern. Das kommt einer Idealisierung der Wirkung von Bildung gleich. Bildungsanstrengungen allein haben noch nie die Gesellschaft sozialer gemacht. Dafür braucht es auch soziale Einsichten in der Wirtschafts-, Beschäftigungs- und Sozialpolitik. 

5. Wollen die Akademien für die Ausarbeitung eines „Nationalen Bildungsprogramms“ eine ernst zu nehmende Rolle spielen, müssen sie vermehrt mit allen bildungspolitischen Akteuren zusammen sitzen und geschichts- und faktenbasiertere Vorschläge entwickeln. Vor allem dürfen dabei die bildungspolitischen Entscheidungsträger nicht in Anhänger der Allgemein- resp. der Berufsbildung gespalten werden. Denn beide Systeme haben einen hohen Reform- und Mittelbedarf. Wenn sich die Bildungs-Lobby befehdet, wird sich weder das eine noch das andere System die zusätzlichen finanziellen Mittel besorgen können.

6. Schliesslich gibt es eine reiche – auch wissenschaftliche – Literatur zur Bedeutung der Berufsbildung in der Schweiz. Nur muss man sie lesen. Hier http://www.sgb.ch/themen.php#top1 können Sie dies. 

Dieser Artikel beruht auf einem Beitrag, den P. Sigerist an einer von den Akademien der Wissenschaften Schweiz am 24.9.09 in Biel organisierten Tagung hielt. 

Zuständig beim SGB

Laura Perret Ducommun

Stellvertretende Sekretariatsleiterin

031 377 01 23

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Laura Perret
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