Der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) hat ältere Arbeitnehmende, die ihre Arbeitszeit reduzieren, als Lifestyle-Teilzeitbeschäftigte kritisiert. Dabei zeigen Studien von Bund und Forschungsinstituten, dass ältere Arbeitnehmende sich vor allem deshalb für Teilzeitarbeit entscheiden, weil sie von der jahrzehntelangen Arbeitsbelastung erschöpft sind und die gestiegene Arbeitsintensität durch Arbeitszeitreduktion kompensieren wollen.
Eine Pflegefachkraft arbeitet in manchen Wochen 50 Stunden im Schichtbetrieb. Die Arbeit ist körperlich anstrengend und emotional anspruchsvoll. Aufgrund der angespannten Personalsituation ist der Zeitdruck hoch. Viele Patientinnen und Patienten müssen gleichzeitig betreut werden. Es ist mehr als verständlich, wenn so jemand nach über 30 Jahren anspruchsvoller Arbeit sagt: Eine 100 Prozent Stelle liegt nicht mehr drin. Ich reduziere mein Pensum, damit ich bis zum Rentenalter durchhalte.
Nicht nur in der Pflege ist die Arbeitsbelastung hoch. Umfragen zeigen, dass die Arbeitswelt aus Sicht vieler Menschen stressiger geworden ist. Bei der jüngsten Gesundheitsbefragung des Bundesamtes für Statistik (BFS) aus dem Jahr 2022 gab beinahe ein Viertel der Beschäftigten an, «immer oder meistens» Stress bei der Arbeit zu haben. Zehn Jahre zuvor lag der Wert bei 17 Prozent.[1] Das Gefühl ständig erreichbar sein zu müssen, setzt viele Arbeitnehmende unter Druck. Fast 40 Prozent sagen, dass Erwartungen in Bezug auf die Erreichbarkeit sie belasten.[2] Eine grosse Mehrheit wünscht sich deshalb eine klare Trennung von Beruf und Freizeit.[3] Viele schaffen es jedoch nicht, all ihre Aufgaben während der regulären Arbeitszeiten zu erledigen. Fast 30 Prozent sagen, dass sie in der Freizeit arbeiten müssen, um die Arbeitsanforderungen zu erfüllen – deutlich mehr als in der EU.[4] Und dies, obwohl in der Schweiz bereits viel und lange gearbeitet wird. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit für eine Vollzeitstelle ist in fast keinem europäischen Land höher als hierzulande. In Dänemark arbeiten Vollzeitbeschäftigte beinahe fünf Stunden weniger.[5] Kein Wunder, dass der Job-Stress-Index von Gesundheitsförderung Schweiz steigt und steigt.[6]
Es ist auch kein Wunder, dass diejenigen, die es sich leisten können, ihr Arbeitspensum reduzieren. Vor allem wenn sie schon viele Jahre im Erwerbsleben verbracht haben. Als «Lifestyle»-Teilzeitbeschäftigte tituliert der Arbeitgeberverband die meist älteren Beschäftigten, die angeben, dass sie Teilzeit arbeiten, weil sie kein Interesse an einer Vollzeitstelle haben.[7] Doch wenn jemand nach Jahren harter Arbeit sein Arbeitspensum reduziert, weil sie oder er sich einen stressigen Vollzeitjob nicht mehr antun will, hat das wenig mit Lifestyle zu tun.
Zudem handelt es sich um eine klare Minderheit der Teilzeitbeschäftigten, die kein Interesse an einer Vollzeitstelle als Grund angeben. Nur 17 % der Teilzeit arbeitenden Frauen und 19 % der Teilzeit arbeitenden Männer nennen dies als Hauptgrund.[8] Für die überwiegende Mehrheit der Teilzeitbeschäftigten sind andere Gründe wie Kinderbetreuung, Aus- und Weiterbildung, andere familiäre Verpflichtungen oder eine Krankheit ausschlaggebend. In der Diskussion um Lifestyle-Teilzeit besteht die Gefahr, dass diese Gründe ausgeblendet werden.
Besorgniserregend ist, dass nicht alle ihr Arbeitspensum reduzieren können, um die Arbeitsbelastung zu reduzieren. Die Analyse der Arbeitgeber zeigt, dass besserverdienende ältere Arbeitnehmende von dieser Möglichkeit öfter Gebrauch machen. Bei denjenigen, die sich eine Reduktion des Arbeitspensums nicht leisten können oder wollen, steigt dagegen das Risiko für gesundheitliche Probleme. Dies äussert sich nicht zuletzt in gestiegenen gesundheitsbedingten Absenzen[9] und immer mehr neuen IV-Fällen, vor allem bei älteren Arbeitnehmenden.[10]
Der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) beklagt, dass dem Staat dadurch Steuer- und Beitragseinnahmen fehlten und die Zuwanderung angeheizt würde. Die Antwort aus Sicht des SAV: Tiefere Abgaben und weniger «Fehlanreize». Diese Interpretation ist befremdlich. Zu hohe Abgaben gehören kaum zu den Hauptgründen, weshalb manche ältere Arbeitnehmende weniger arbeiten. Stattdessen muss beim Stress und der Belastung der Arbeitnehmenden angesetzt werden. Es braucht einen griffigeren Gesundheitsschutz durch die Arbeitgebenden, aber auch einen korrekten Vollzug durch die Kantone. Insbesondere die Kontrollen müssen deutlich erhöht werden.
[1]https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/aktuell/neue-veroeffentlichungen.assetdetail.30305743.html
[2]https://gesundheitsfoerderung.ch/sites/default/files/migration/documents/Faktenblatt_072_GFCH_2022-08_-_Job-Stress-Index_2022.pdf
[3]https://www.unilu.ch/fakultaeten/wf/institute-zentren-forschungsstellen/center-fuer-human-resource-management/forschung/schweizer-human-relations-barometer/ergebnisse/ausgaben/schweizer-hr-barometer-2020/
[4]https://www.eurofound.europa.eu/de/surveys-and-data/surveys/european-working-conditions-survey/ewcs-2024
[5]https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/tps00071/default/table?lang=de
[6]https://friendlyworkspace.ch/de/themen/arbeitsbedingter-stress/studie-job-stress-index
[7]https://www.arbeitgeber.ch/klarsicht-wirtschaft/teilzeit-als-lifestyle-das-groesste-potenzial-liegt-bei-50-plus-nicht-bei-der-gen-z/
[8]https://www.bfs.admin.ch/bfs/rm/home.assetdetail.36057608.html
[9]https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/erwerbstaetigkeit-arbeitszeit/arbeitszeit/absenzen.html

