Ist das Schweizer Bruttoinlandprodukt 5 bis 10 Prozent zu tief? Ein heute erschienener Bericht zu immateriellen Werten liefert interessante Hinweise

Blog Daniel Lampart

Obwohl alle locker darüber reden: Das Bruttoinlandprodukt BIP gibt es in der Realität nicht. Es ist eine statistische Konstruktion, die der wirtschaftlichen Realität hinterherhumpelt. In früheren Zeiten, als noch industrielle und landwirtschaftliche Standardprodukte hergestellt wurden, war die Messung der Wirtschaftsleistung vergleichsweise einfach. Man zählte die Produktion zusammen und zog davon ab, was die Firmen an Waren und Dienstleistungen einkauften, um ihre Produkte herzustellen. Mit der Internationalisierung der Wirtschaft und der viel grösseren Bedeutung von immateriellen Werten ist die Berechnung des Bruttoinlandproduktes schwieriger geworden. Eine Rolex-Uhr kostet zwischen 5000 und ein paar Zehntausend Franken. Eine Swatch zwischen 50 und 200 Franken. Für das Bruttoinlandprodukt sind beide primär einfach Uhren – mit einem unterschiedlichen Preis. Doch viele Leute kaufen eine Rolex, weil sie eine Uhr dieser Marke haben wollen und zahlen dafür einen höheren Preis. Der Wert der Marke Rolex und die Investitionen von Rolex in ihre Marke sind im Bruttoinlandprodukt hingegen nichts wert. Marken und Markenrechte spielen fürs BIP keine Rolle. 

Die Statistiker:innen wissen aber, dass immaterielle Werte in der Wirtschaft wichtiger werden. Sie versuchen, mit dieser Entwicklung einigermassen Schritt zu halten. Obwohl in den meisten Büros seit den 1980er-Jahren ohne Software nichts läuft, wird die Entwicklung von Software erst seit etwas mehr als 20 Jahren als Investition ins Bruttoinlandprodukt eingerechnet. Dasselbe gilt für die Forschungstätigkeiten, die erst seit etwas mehr als 10 Jahren als Investitionen gelten. Mit diesen Umstellungen stieg das BIP jeweils schlagartig um 2 bis 3 Prozent. 

Die letzte Umstellung war im Jahr 2025 als die Behandlung der internationalen Firmen im Bruttoinlandprodukt verbessert wurde. In der Schweiz gibt es zahlreiche Multis, die hierzulande nur noch wenig Waren produzieren. Bisher wurden diese vom BIP nur teilweise erfasst. Mit genaueren Daten hat es sich jedoch gezeigt, dass die Wertschöpfung wesentlich höher ist. Das BIP stieg aufgrund der 2025er-Revision nochmals um – je nach Jahr – 1.1 bis 3.8 Prozent. 

Die Einrechnung von starken Marken wie Rolex oder Nespresso wurde hingegen verschoben. Das Schweizer BIP ist nach wie vor zu tief. Schätzungen für einige EU-Länder zeigen, dass die Berücksichtigung von immateriellen Werten wie Marken, Designs, Wissen/Bildung u.a. zu einem 5 bis 10 Prozent höheren Bruttoinlandprodukt führen dürfte. Heute wurde wieder ein entsprechender Expertenbericht dazu publiziert. Die Schweizer Wirtschaft ist eine besonders markenstarke Wirtschaft. Es wäre deshalb nicht überraschend, wenn das in der Schweiz 10 Prozent und mehr ausmachen würde. 

 

 

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