Prognosen sind bekanntlich schwierig - vor allem in Hinblick auf die Zukunft. Besonders daneben liegen die Voraussagen von Ökonomen zur Zukunft der Arbeit, zur Digitalisierung und zur künstlichen Intelligenz KI. Im Jahr 2010 behauptete der damalige Chef von PWC-Deutschland, Hans Wagener: «Assistenzen, SekretärInnen sind vorbei. Sie werden in 5, 6 Jahren durch Avatare ersetzt». 2013 erschien dann eine Analyse der Ökonomen Frey und Osborne von der Uni Oxford: «47 Prozent der US-Jobs sind sehr gefährdet, in den nächsten 10 bis 20 Jahren von Computern oder Maschinen ersetzt zu werden». Diese Analyse wurde in der Folge von unzähligen JournalistInnen und ÖkonomInnen als Grundlage für ihre Berichte zur Digitalisierung gebraucht. Viele Leute waren verängstigt und verunsichert – unnötigerweise.
Die Realität ist eine ganz andere. Nur wenige Firmen haben ihre Computersysteme in grossem Stil auf KI umgestellt. Eines der wenigen Beispiele für die Schweiz ist die Unfallverarbeitung der Suva. Eine diese Woche erschienene Studie aus Dänemark spricht Bände. KI wird in vielen Firmen wenigstens in Form von Chatbots eingesetzt. Die Studie zeigt aber, dass die Einführung von Chatbots kaum Auswirkungen auf Arbeitsplätze, Arbeitsstunden oder Löhne gehabt hat. Die Autoren kommen denn auch zum Schluss, dass ihre Untersuchung das Narrativ der disruptiven KI in Frage stellt oder zumindest relativiert.
Das Bundesamt für Statistik BFS veröffentlichte diese Woche Statistiken zur Plattformarbeit in der Schweiz. Im letzten Jahr hätten 0.2 Prozent der 15-74-jährigen Bevölkerung «Plattformarbeit im engeren Sinn geleistet (Taxidienste, Essenslieferdienste, Programmierung, usw.)» geleistet. Tendenz gleichbleibend also.
Abschliessend noch zur PWC-Prognose aus 2010: 2023 arbeiteten in der Schweiz 5.2 Prozent der Erwerbstätigen als «allgemeine Büro- und Sekretariatskräfte», wie diese Berufsgruppe beim BFS heisst. Zum Glück, denn ohne ihre oft unsichtbare Arbeit würde in der Schweizer Wirtschaft das Chaos ausbrechen. Avatare kosten hingegen vor allem Nerven und sind bisher wenig brauchbar.
Warum gab es diese Fehlprognosen? Erstens wohl deshalb, weil ein Teil der ÖkonomInnen wie andere Menschen auch, gerne Aufmerksamkeit haben und somit gewagte Thesen in die Welt setzen. Zweitens aber auch, weil die Wirtschaftswissenschaften sehr individualistisch denken. Ein Mensch alleine kann relativ schnell neue Technologien anwenden. Doch in einer grossen Firma ist das viel schwieriger. In der Regel muss die ganze Organisation umgestellt werden. Grossprojekte haben zudem enorme Risiken zu scheitern. Nach wie vor schaffen es viele Firmen nicht einmal, klassische Informatikprojekte erfolgreich zu Ende zu führen. Bei der Plattformarbeit ging vergessen, dass Firmen nicht nur Grössenvorteile haben. Eine Zerlegung der Prozesse in kleinste Plattformfirmen ist ökonomisch oft ineffizient. Zudem stellt sich die Frage der Innovationen und der Geschäftsgeheimnisse. Solche behalten die Firmen lieber für sich und teilen sie nicht mit anderen.