Ein "Faktencheck" mit politischer Schlagseite? Kommentar zu einem Beitrag im Tagesanzeiger über den SGB-Verteilungsbericht

Blog Daniel Lampart

Journalist:in ist eine anspruchsvolle Arbeit. Themen wechseln täglich. Die Artikel müssen dennoch relevant und korrekt sein. Das erfordert grosse generalistische Fähigkeiten. Das Genre des Faktenchecks ist demgegenüber journalistisches Glatteis. Das zeigt sich in einem «Faktencheck» im Tagesanzeiger zur Lohnfrage, der ziemlich Arbeitgeber-Schlagseite hat. Der «Faktencheck» wurde durchgeführt, weil der SGB heute seinen Verteilungsbericht publiziert hat. 

Ein Faktencheck soll überprüfen, ob präsentierte Fakten korrekt sind. Der vorliegende Tagesanzeiger-Faktencheck bewertet hingegen weniger die vorliegenden Fakten. Sondern er gibt positive Noten bzw.  Punkte, wenn man internationale Lohnvergleiche macht oder die Lohnquote (Anteil Löhne am BIP) publiziert. Wie das die Arbeitgeber im Unterschied zu den Gewerkschaften gemacht haben. Mit einer Überprüfung von Fakten hat das jedoch nichts zu tun. 

Selbst die Überprüfung der Fakten ist mangelhaft. Die Arbeitgeber behaupten gemäss Tagesanzeiger, dass die Schweiz von 2010 bis 2022 europaweit das höchste Lohnwachstum gehabt hätte. Neuere Zahlen haben sie nicht. Der Tagi behauptet, dass dies auch in den Jahren bis 2026 Bestand gehabt hätte. Interessanterweise ist heute der OECD-Employment-Outlook erschienen. Dieser zeigt, dass die Löhne in der Schweiz im OECD-Vergleich von 2021 bis 2026 schlecht abschnitten.  

Nimmt man dieselbe OECD-Statistik, so sind die Reallöhne seit 2010 in den Ländern Mittel-Ost-Europas um ein Vielfaches der Schweizer Löhne gestiegen, nämlich um 25 bis 50 Prozent. Ein stärkeres Lohnwachstum als die Schweiz hatten u.a. Norwegen, Luxemburg, Deutschland, Schweden. Der SGB publiziert diese Daten im Verteilungsbericht nicht, weil sie für die Einkommensverteilung in der Schweiz irrelevant sind. 

Die Lohnquote – der Anteil der Lohnsumme am Bruttoinlandprodukt BIP – ist ein umstrittenes Mass. In der Schweiz ist die Lohnsumme ziemlich genau gemessen. Es ist die Summe aller bei der AHV deklarierten Löhne. Das Problem ist hingegen die Messung des BIP. Die Schweiz hat eine besondere Wirtschaft. Sie produziert neben innovationsstarken Produkten wie Medikamenten auch starke Marken. Seien das Luxusuhren, Lebensmittel oder andere Produkte im Hochpreissegment. Doch diese Marken sind im realen BIP, vereinfacht gesagt, nicht enthalten. D.h. eine bedeutende Stärke der Schweizer Wirtschaft wird nicht abgebildet. Früher waren auch die Patente für die Medikamente nicht enthalten. Als man sich endlich entschloss, diese ins reale BIP einzurechnen, stieg dieses rein statistisch bedingt um zwei bis drei Prozent. 

Der SGB verwendet für seinen Verteilungsbericht eine Fülle von Daten aus verschiedenen Quellen – von Löhnen über Sozialversicherungsbeiträgen und Steuern bis zu den Krankenkassenprämien. Mit einem aufwändigen, transparent dokumentierten Modell berechnen wird damit die Nettoeinkommen von Musterhaushalten in verschiedenen Einkommensklassen. Das SGB-Modell ist schweizweit das aufwändigste und differenzierteste Modell, das für solche Berechnungen verwendet wird. Die Qualität des Modells und seiner Ergebnisse wird regelmässig überprüft.  

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