Beunruhigend hohe Arbeitslosigkeit - doch wie geht es nach Corona weiter?

Blog Daniel Lampart

Nach wie vor hohe Arbeitslosigkeit – «3 Konjunkturen» seit der 2. Welle

Aufgrund der Teil-Schliessungen der Wirtschaft stieg die Arbeitslosigkeit im Januar/Februar wieder etwas an. Die Zahl der Arbeitslosen liegt bei knapp 160'000 (saisonbereinigt). Das sind rund 50'000 mehr als vor Ausbruch der Krise Anfang 2020.

Anzahl Arbeitslose (Personen, saisonbereinigt)

Hinter dieser Entwicklung verbergen sich «drei Konjunkturen». In der zweiten Welle entwickelt sich die Arbeitslosigkeit in den Branchen unterschiedlich – im Unterschied zur ersten Welle, wo es fast überall mehr Arbeitslose gab.

  • In den geschlossenen Binnensektoren ging es während der zweiten Welle nochmals steil aufwärts. Die Gastronomie verzeichnet beispielswese heute ungefähr doppelt so viele Arbeitslose wie vor Ausbruch der Pandemie.
  • In den Binnensektoren, die in der zweiten Welle nicht geschlossen wurden wie dem Bau oder dem Bildungswesen, ging die Arbeitslosigkeit hingegen sichtbar zurück.
  • In der Exportindustrie setzte in der zweiten Jahreshälfte 2020 eine zaghafte Erholung ein – bei nach wie vor hoher Arbeitslosigkeit beispielsweise in der MEM-Industrie.

Anzahl Arbeitslose in ausgewählten Branchen (2018=100, saisonbereinigt)

Mit der Teil-Öffnung der Wirtschaft am 1. März geht es wirtschaftlich wieder etwas aufwärts. Dank der steigenden Zahl an geimpften Personen und den rund 20 Prozent der Bevölkerung mit einer natürlichen Immunität nach einer Covid-Erkrankung dürfte es künftig weniger Einschränkungen brauchen, um eine unkontrollierte Entwicklung der Pandemie zu verhindern. Allerdings ist die Unterbeschäftigung inkl. Kurzarbeit immer noch bei über 10 Prozent (in Vollzeitstellen). Die Zahl der offenen Stellen steigt, liegt aber unter dem Vorkrisenniveau.

Offene Stellen (2012=100, saisonbereinigt)

Wirtschaftsausblick: Rasche Normalisierung oder länger anhaltende Schäden?

Die unmittelbar bevorstehende Wirtschaftsentwicklung hängt natürlich weiterhin von der Pandemiepolitik, den allfälligen Öffnungsschritten und dem Verhalten der Bevölkerung ab. Doch wie geht es wirtschaftlich weiter, wenn grosse Teil der Bevölkerung immun sind und Pandemie überwunden ist? Dazu gibt es im wesentlichen zwei Grundansichten:

  • Rasche Normalisierung: Die Wirtschaft bewegt sich nach den Öffnungsschritten wieder auf den Vorkrisenpfad. Allenfalls überschiesst sie sogar vorübergehend, weil es Nachholkonsum oder -investitionen gibt. Wobei unklar bleibt, wann was wieder geöffnet wird.
  • Längerfristige Schäden: Die hohe Unterbeschäftigung und der starke Wirtschaftseinbruch haben viele Ressourcen gekostet, was die Wirtschaftsentwicklung und den Abbau nach der Krise behindert. Auch wenn alles wieder offen ist.

Effektiv fanden die Wirtschaften in der Corona-Krise nach der Wiedereröffnung des Detailhandels oder des Gastgewerbes rasch wieder aus der tiefsten Baisse heraus. Aber gleichzeitig gibt es bedeutende Indizien, dass die vollständige Normalisierung längere Zeit in Anspruch nehmen kann. Schlüsselfaktoren sind u.a.:

  • Die öffentliche Finanzpolitik, welche über Sparmassnahmen zum Abbau von Corona-Schulden den Aufschwung stark bremsen kann.
  • Die fehlende Kaufkraft - insbesondere der einkommensschwächeren Bevölkerung. Der in vielen Fällen nur 80-prozentige Lohnersatz bei Kurzarbeit alleine hat zu Einkommenseinbussen von rund 2 Mrd. Fr. geführt. Dazu kommen noch Arbeitslose sowie Personen, die sich aus dem Arbeitsmarkt zurückgezogen haben, die ebenfalls weniger Einkommen haben.
  • Die hohe Arbeitslosigkeit und der Rückzug von Personen aus dem Arbeitsmarkt, die zu einem längerfristig tieferen Beschäftigungsniveau führen kann – wenn die Betroffenen nicht mehr in den Arbeitsmarkt zurückfinden. Auch LehrabgängeInnen und Studierende haben aktuell teilweise grosse Mühe, in den Arbeitsmarkt einzusteigen, etwa weil sie nach der Lehre nicht beim Betrieb bleiben können. Es besteht die Gefahr, dass ihnen dadurch auch längerfristig Nachteile auf dem Arbeitsmarkt entstehen.
  • Die geringere Reiseaktivität: Sollten künftig insbesondere weniger Geschäfts- und Interkontinentalreisen unternommen werden, trifft das die Luftfahrt und die Stadthotellerie direkt. Indirekt kann es die ganze Wirtschaft treffen. Denn eine offene Volkswirtschaft wie die Schweiz ist auf den internationalen Austausch besonders angewiesen.
  • Fehlende finanzielle Ressourcen zur Finanzierung von Investitionen: Gemäss der KOF-Investitionsumfrage ist die Zahl der Firmen markant gestiegen, welche aufgrund von Kapitalmangel bei den Investitionen auf der Bremse stehen.
  • Der coronabedingte Strukturwandel im Gastgewerbe und im Detailhandel: Wenn auch künftig vermehrt im Homeoffice gearbeitet wird, führt das zu Einnahmenausfällen von Dienstleistern in den urbanen Bürostandorten (Gastgewerbe u.a.). Von der Verlagerung des Detailhandels ins Internet profitieren ausländische Anbieter wie Zalando u.a. überproportional. Dadurch fliesst mehr Kaufkraft aus der Schweiz ab.
  • Eine Ausdünnung des Kulturlebens: Die lange Schliessung des Kulturbetriebs kann die Existenz von Institutionen und KünstlerInnen gefährden.
  • Internationale Verwerfungen, Probleme der Weltwirtschaft: Die Corona-Krise trifft die so genannten Euro-Krisenländer besonders stark, was im Euroraum wieder zu neuen Spannungen und Unsicherheiten führen kann. Dadurch kann auch der Franken wieder unter Aufwertungsdruck kommen.

Auf der anderen Seite kann es Entwicklungen geben, die zusätzliche Wachstumsbeiträge leisten:

  • Die Wiederöffnung der geschlossenen Branchen kann einen Nachholboom auslösen: So z.B. im Detailhandel, im Tourismus und in der Kulturbranche.
  • Die Neugestaltung von Büroflächen: Grossraumbüros haben grössere Ansteckungsrisiken, was bei Um- und Neubauten zusätzliche Investitionen auslösen kann.
  • Die Aus- und Weiterbildung während der Corona-Krise: Insbesondere jüngere Arbeitnehmende haben in der Krise vermehrt Ausbildungen angetreten. Das kann mittelfristig auch das wirtschaftliche Potenzial erhöhen.
  • Die Digitalisierung und der Strukturwandel: Die Corona-Krise hat einen Digitalisierungsschub ausgelöst (Onlinehandel, digitale Zahlungsmittel usw.). Das kann zu einer höheren Produktitivät führen.

Wirtschaftspolitischer Handlungsbedarf

Die Risken und Unsicherheiten im Hinblick auf die Zeit nach Corona dürfen nicht unterschätzt werden. Wichtig ist, dass die Gefahren rechtzeitig erkannt und wirtschaftspolitisch Gegensteuer gegeben wird. Die Wirtschaftspolitik sollte so ausgerichtet werden, dass man lieber mit konjunkturellen Stabilisierungs- und Stimulierungsmassahmen eine leichte Überhitzung riskiert als eine hartnäckige hohe Arbeitslosigkeit zulässt.

Prioritär sind folgende Massnahmen:

  • Die Verlängerung der Corona-Massnahmen in der Arbeitslosenversicherung (Kurzarbeit, zusätzliche Taggelder gegen Aussteuerung) in der Frühlingssession.
  • Die Rückerstattung der rund 5 Mrd. Fr. an überschüssigen Prämienreserven in der Krankenversicherung an die Bevölkerung zur Stärkung der Kaufkraft im zweiten Halbjahr 2021.
  • Die Verhinderung von Sparprogrammen – insbesondere beim Bund.
  • Eine aktive Geldpolitik gegen die Überbewertung des Frankens.
  • Die Einführung von effizienteren Pandemiebekämpfungsmassnahmen bei grenzüberschreitende Reisen als die Reisequarantäne (insb. in der besonders exponierten Luftfahrt).
Top