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Die wunderbare Versicherung

Artikel
Verfasst durch Annette Hug

Der literarische Beitrag zum 1. Mai

Und dann brachte der Pöstler plötzlich eine Rente. 1948. Die Alten hatten nicht eingezahlt, aber das Volk verwandelte sich in eine gute Fee. Jetzt zahlen wir, beschlossen die Jungen mit überwältigendem Mehr, damit die Angst kleiner werde, und die Jungen wurden älter. Es habe noch viele Jahre ein Vertrauen geherrscht, sagt einer, der sich mit der Briefpost auskennt. Er sagt: Stell Dir vor. Noch Anfang 70er Jahre wird ein Lehrling bei der Post gefragt: «Kannst Du die AHV allein zustellen?» Der Chef ist eine Woche weg. Der Lehrling bleibt allein mit 120'000 Franken und der Chef hat gesagt: «Meine Frauen wollen aber nur Hunderternötli.» Also packt der Lehrling alle Innen- und Außentaschen voll, ausgepolstert wie ein Michelin geht er durch’s Dorf, von Tür zu Tür. Das sei das Vertrauen gewesen, ein Vorschuss sozusagen, den man dann habe rechtfertigen wollen jahrzehntelang.

Und so geht es bei der AHV auch im Großen und Ganzen: Alle zahlen ein, für die Alten, und erhalten später einmal eine Rente, von den Jungen.

Aber weil es heute schon Frauen gibt, die ab und zu ein Zweihunderternötli ausgeben, soll ihr Ren­tenalter erhöht werden. Sie machen jetzt weniger Zweiten als früher, heißt es, und ich kenne eine Frau namens Jocelyn Magnayon, die hat schon Tausendernötli transportiert, weil die Eltern von jenseits des Ozeans angerufen haben, um mitzuteilen: «Jetzt müssen wir wieder arbeiten». Nach drei Jahren Pension war das Geld futsch gewesen, eine Mickeymouseversicherung hatte Kapital ausbezahlt zur Pensionierung, sie hatten das investiert, wie empfohlen alles angelegt, dann kam die Asienkrise rabenschwarz, «jetzt arbeiten wir wieder – bis wir tot sind», sagen die Eltern und Jocelyn bringt ab und zu ein paar Tausendernötli per Flugzeug, weil das keine Spesen kostet, wenn die Nötli gut versteckt sind in Innentaschen und Büstenhalter. Eine Versicherung, die Jocelyn Magnayon heißt, rechnet weit voraus: Was wird die Rente hier wert sein und dort, minus Miete oder Zins, soll der Franken doch weiter steigen.

Überall wird vorausgerechnet. Die Mickeymouseversicherungen warnen vor sinkenden Renditen, Kapitalisten beschwören den Niedergang des Kapitalismus. Sie sagen, wir müssen jetzt Angst haben. Das Verhältnis zwischen Jungen und Alten werde ungünstig, zahlenmäßig. Das stimmt ja, aber es kommen laufend Leute dazu, die hier arbeiten wollen. Weil die Arbeit nicht ausgeht. Und es kann doch nicht sein, dass sich alle, die einen Lohn bekommen und Prämien einzahlen, plötzlich in Luft auflösen, platzen wie eine Finanzblase in der Krise. Ich vertraue auf folgende Rechnung: Der Pöstler und Jocelyn Magnayon, alle Verkäuferinnen und ich müssen soviel verdienen, dass es auch für die Renten reicht. Weil wir etwas größer sind als die Familie von Jocelyn und einige von uns das große Geschäft machen, dürfte es für richtig gute Renten reichen.

 

                                         

*Annette Hug ist 1970 ist Zürich geboren, wo sie heute wieder lebt. Sie hat in Manila «Women and Development Studies» studiert. Heute arbeitet sie zu gleichen Teilen als Autorin und als Gewerkschaftssekretärin. Im Frühling 2008 ist ihr erster Roman «Lady Berta» im Rotpunktverlag erschienen – ausgehend von den kargen und seltenen Sätzen einer Großmutter, erfindet sich deren Enkelin eine Familiengeschichte. 2010 folgte der Episodenroman «In Zelenys Zimmer», in dem die NZZ ein «Kabinettstück» entdeckt hat. 

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Der literarische Beitrag zum 1. Mai

Und dann brachte der Pöstler plötzlich eine Rente. 1948. Die Alten hatten nicht eingezahlt, aber das Volk verwandelte sich in eine gute Fee. Jetzt zahlen wir, beschlossen die Jungen mit überwältigendem Mehr, damit die Angst kleiner werde, und die Jungen wurden älter. Es habe noch viele Jahre ein Vertrauen geherrscht, sagt einer, der sich mit der Briefpost auskennt. Er sagt: Stell Dir vor. Noch Anfang 70er Jahre wird ein Lehrling bei der Post gefragt: «Kannst Du die AHV allein zustellen?» Der Chef ist eine Woche weg. Der Lehrling bleibt allein mit 120'000 Franken und der Chef hat gesagt: «Meine Frauen wollen aber nur Hunderternötli.» Also packt der Lehrling alle Innen- und Außentaschen voll, ausgepolstert wie ein Michelin geht er durch’s Dorf, von Tür zu Tür. Das sei das Vertrauen gewesen, ein Vorschuss sozusagen, den man dann habe rechtfertigen wollen jahrzehntelang.

Und so geht es bei der AHV auch im Großen und Ganzen: Alle zahlen ein, für die Alten, und erhalten später einmal eine Rente, von den Jungen.

Aber weil es heute schon Frauen gibt, die ab und zu ein Zweihunderternötli ausgeben, soll ihr Ren­tenalter erhöht werden. Sie machen jetzt weniger Zweiten als früher, heißt es, und ich kenne eine Frau namens Jocelyn Magnayon, die hat schon Tausendernötli transportiert, weil die Eltern von jenseits des Ozeans angerufen haben, um mitzuteilen: «Jetzt müssen wir wieder arbeiten». Nach drei Jahren Pension war das Geld futsch gewesen, eine Mickeymouseversicherung hatte Kapital ausbezahlt zur Pensionierung, sie hatten das investiert, wie empfohlen alles angelegt, dann kam die Asienkrise rabenschwarz, «jetzt arbeiten wir wieder – bis wir tot sind», sagen die Eltern und Jocelyn bringt ab und zu ein paar Tausendernötli per Flugzeug, weil das keine Spesen kostet, wenn die Nötli gut versteckt sind in Innentaschen und Büstenhalter. Eine Versicherung, die Jocelyn Magnayon heißt, rechnet weit voraus: Was wird die Rente hier wert sein und dort, minus Miete oder Zins, soll der Franken doch weiter steigen.

Überall wird vorausgerechnet. Die Mickeymouseversicherungen warnen vor sinkenden Renditen, Kapitalisten beschwören den Niedergang des Kapitalismus. Sie sagen, wir müssen jetzt Angst haben. Das Verhältnis zwischen Jungen und Alten werde ungünstig, zahlenmäßig. Das stimmt ja, aber es kommen laufend Leute dazu, die hier arbeiten wollen. Weil die Arbeit nicht ausgeht. Und es kann doch nicht sein, dass sich alle, die einen Lohn bekommen und Prämien einzahlen, plötzlich in Luft auflösen, platzen wie eine Finanzblase in der Krise. Ich vertraue auf folgende Rechnung: Der Pöstler und Jocelyn Magnayon, alle Verkäuferinnen und ich müssen soviel verdienen, dass es auch für die Renten reicht. Weil wir etwas größer sind als die Familie von Jocelyn und einige von uns das große Geschäft machen, dürfte es für richtig gute Renten reichen.

 

                                         

*Annette Hug ist 1970 ist Zürich geboren, wo sie heute wieder lebt. Sie hat in Manila «Women and Development Studies» studiert. Heute arbeitet sie zu gleichen Teilen als Autorin und als Gewerkschaftssekretärin. Im Frühling 2008 ist ihr erster Roman «Lady Berta» im Rotpunktverlag erschienen – ausgehend von den kargen und seltenen Sätzen einer Großmutter, erfindet sich deren Enkelin eine Familiengeschichte. 2010 folgte der Episodenroman «In Zelenys Zimmer», in dem die NZZ ein «Kabinettstück» entdeckt hat. 


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Und dann brachte der Pöstler plötzlich eine Rente. 1948. Die Alten hatten nicht eingezahlt, aber das Volk verwandelte sich in eine gute Fee. Jetzt zahlen wir, beschlossen die Jungen mit überwältigendem Mehr, damit die Angst kleiner werde, und die Jungen wurden älter. Es habe noch viele Jahre ein Vertrauen geherrscht, sagt einer, der sich mit der Briefpost auskennt. Er sagt: Stell Dir vor. Noch Anfang 70er Jahre wird ein Lehrling bei der Post gefragt: «Kannst Du die AHV allein zustellen?» Der Chef ist eine Woche weg. Der Lehrling bleibt allein mit 120'000 Franken und der Chef hat gesagt: «Meine Frauen wollen aber nur Hunderternötli.» Also packt der Lehrling alle Innen- und Außentaschen voll, ausgepolstert wie ein Michelin geht er durch’s Dorf, von Tür zu Tür. Das sei das Vertrauen gewesen, ein Vorschuss sozusagen, den man dann habe rechtfertigen wollen jahrzehntelang.

Und so geht es bei der AHV auch im Großen und Ganzen: Alle zahlen ein, für die Alten, und erhalten später einmal eine Rente, von den Jungen.

Aber weil es heute schon Frauen gibt, die ab und zu ein Zweihunderternötli ausgeben, soll ihr Ren­tenalter erhöht werden. Sie machen jetzt weniger Zweiten als früher, heißt es, und ich kenne eine Frau namens Jocelyn Magnayon, die hat schon Tausendernötli transportiert, weil die Eltern von jenseits des Ozeans angerufen haben, um mitzuteilen: «Jetzt müssen wir wieder arbeiten». Nach drei Jahren Pension war das Geld futsch gewesen, eine Mickeymouseversicherung hatte Kapital ausbezahlt zur Pensionierung, sie hatten das investiert, wie empfohlen alles angelegt, dann kam die Asienkrise rabenschwarz, «jetzt arbeiten wir wieder – bis wir tot sind», sagen die Eltern und Jocelyn bringt ab und zu ein paar Tausendernötli per Flugzeug, weil das keine Spesen kostet, wenn die Nötli gut versteckt sind in Innentaschen und Büstenhalter. Eine Versicherung, die Jocelyn Magnayon heißt, rechnet weit voraus: Was wird die Rente hier wert sein und dort, minus Miete oder Zins, soll der Franken doch weiter steigen.

Überall wird vorausgerechnet. Die Mickeymouseversicherungen warnen vor sinkenden Renditen, Kapitalisten beschwören den Niedergang des Kapitalismus. Sie sagen, wir müssen jetzt Angst haben. Das Verhältnis zwischen Jungen und Alten werde ungünstig, zahlenmäßig. Das stimmt ja, aber es kommen laufend Leute dazu, die hier arbeiten wollen. Weil die Arbeit nicht ausgeht. Und es kann doch nicht sein, dass sich alle, die einen Lohn bekommen und Prämien einzahlen, plötzlich in Luft auflösen, platzen wie eine Finanzblase in der Krise. Ich vertraue auf folgende Rechnung: Der Pöstler und Jocelyn Magnayon, alle Verkäuferinnen und ich müssen soviel verdienen, dass es auch für die Renten reicht. Weil wir etwas größer sind als die Familie von Jocelyn und einige von uns das große Geschäft machen, dürfte es für richtig gute Renten reichen.

 

                                         

*Annette Hug ist 1970 ist Zürich geboren, wo sie heute wieder lebt. Sie hat in Manila «Women and Development Studies» studiert. Heute arbeitet sie zu gleichen Teilen als Autorin und als Gewerkschaftssekretärin. Im Frühling 2008 ist ihr erster Roman «Lady Berta» im Rotpunktverlag erschienen – ausgehend von den kargen und seltenen Sätzen einer Großmutter, erfindet sich deren Enkelin eine Familiengeschichte. 2010 folgte der Episodenroman «In Zelenys Zimmer», in dem die NZZ ein «Kabinettstück» entdeckt hat. 

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Der Chefökonom des SGB, Daniel Lampart, äussert hier kritisch seine persönliche Meinung zu Wirtschaftsthemen.

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