Vor dem Sturm handeln

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Verfasst durch Véronique Polito

Zunehmend prekäre Anstellung von Jugendlichen

In vielen europäischen Staaten erreicht die Jugendarbeitslosigkeit Rekordhöhen. In der Schweiz liegt die Rate der jugendlichen Arbeitslosen viel tiefer. Doch der Schein trügt. Auch in der Schweiz werden die Anstellungsbedingungen der Jugendlichen verschlechtert.

Die Wirtschaftskrise trifft die Jugendlichen in besonderem Ausmass. In der EU sind aktuell 18,1 % aller Jugendlichen arbeitslos. Und bei den Jugendlichen, denen der Einstieg in den Arbeitsmarkt gelingt, sind zunehmend prekäre Anstellungsbedingungen auszumachen. Nicht weniger als 42 % (!) aller Jugendlichen bis 25 – gegenüber 15 % aller Erwerbstätigen – arbeiten temporär. Und: die Aussichten auf Besserung sind eher düster.

Die Schweiz scheint auf den ersten Blick von dieser Entwicklung nur wenig betroffen. Die Arbeitslosigkeit liegt vergleichsweise tief. Atypische Arbeit nimmt aber auch bei den Jugendlichen hierzulande zu. Ein Drittel aller temporär Arbeitenden in der Schweiz sind Jugendliche unter 26. Die gleiche Altersklasse stellt aber nur 10 % der Erwerbstätigen. Einer 2010 erschienenen Seco-Studie zufolge hat prekäre Arbeit bei den Jugendlichen zugenommen. 2004 arbeiteten 6 % aller Jugendlichen prekär, 2008 waren es bereits über 9 %. Die wirtschaftliche Instabilität seither und die härtere Gangart in der Arbeitslosenversicherung, seit April 2011 in Kraft, werden in den letzten vier Jahren zu einer noch schärferen Ausprägung dieser Tendenz beigetragen haben.

Eine Jugend ohne Berufsperspektiven ist in vielen europäischen Staaten Tatsache. Da tickt eine Zeitbombe. Wenn sich die Lage hierzulande auch weniger dramatisch präsentiert: Auch die Schweiz ist aufgerufen, ihren Jugendlichen bessere Berufsperspektiven zu bieten. Die Schweiz verfügt dazu auch über Trümpfe. Nur: sie muss sie auch ausspielen.

Berufsbildung hinterfragen

Länder mit Dualausbildung (Ausbildung in Betrieb und Schule) wie Deutschland, Dänemark, Österreich und die Schweiz haben weniger Jugendarbeitslosigkeit. Der Wertewandel führt jedoch dazu, dass in der Schweiz immer mehr Jugendliche eine gymnasiale Ausbildung der Lehre vorziehen. Aufgrund der „demografischen Lockerung“ treten gleichzeitig immer weniger Jugendliche in die Sekundarstufe II (nachobligatorische Ausbildung) ein. Um die Attraktivität der Berufslehre zu erhalten resp. zu verbessern, ist deshalb mehr schulische, weniger betriebliche Ausbildung verlangt. Wenn diese Umwertung nicht jetzt angepackt wird, dann wird die Berufslehre bald einmal weder den Anforderungen des Arbeitsmarktes noch den Erwartungen der Jugend entsprechen. Zudem soll sich Berufsbildung für die Unternehmen nicht à tout prix lohnen, wie das der Bund immer wieder propagiert. Ein Lehrling, der sich als Rentabilitätsfaktor wahrnimmt, wird wohl mehr demotiviert als motiviert…

Mehr sozialer Schutz

Der Eintritt der Jugendlichen in den Arbeitsmarkt ist insofern delikat, als er meist die weitere Berufskarriere bestimmt. Den Jugendlichen ist in dieser Phase besonders zu helfen. Der Leistungsabbau in der Arbeitslosenversicherung 2011 und die Absenkung des Jugendschutzalters im Arbeitsrecht von 2008 sind das Gegenteil solcher Hilfe. Sie fördern die Prekarisierung. Deshalb braucht es faire Taggelder der Arbeitslosenversicherung und einen gesetzlichen Mindestlohn für alle.

Schliesslich brauchen die Jugendlichen auch mehr sozialpartnerschaftlichen Schutz. In der heutigen GAV-Landschaft finden sich nur selten Bestimmungen für Lehrlinge, Praktikant/innen und temporär Arbeitende. Das ist auch ein Appell an die Gewerkschaften, die Jugendlichen vermehrt in den sozialpartnerschaftlichen Vereinbarungen zu schützen und sie an den entsprechenden Ausmarchungen zu beteiligen.

Zuständig beim SGB

Laura Perret Ducommun

Stellvertretende Sekretariatsleiterin

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Laura Perret
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